StartBusinessSkillsAus der VOGELperspektive: Was ist das Mögliche?

Aus der VOGELperspektive: Was ist das Mögliche?

Unsere Kolumnistin Melanie Vogel mit einer Inspiration für das neue Jahr: Was ist möglich? Sie ermutigt: Alternativlosigkeit ist ein Mythos, Möglichkeiten entstehen überall.

„Nichts ist unmöglich.” „Das ist unmöglich.” „Du bist unmöglich.” Solche Sätze fallen regelmäßig in unterschiedlichen Kontexten. Doch was ist das Mögliche? Und was heißt „Möglichkeit” überhaupt? Und wieso urteilen wir oft so vorschnell in den Kategorien „möglich“ und „unmöglich“? Mit dieser Frage beschäftigen sich Philosophen seit hunderten von Jahren und man sollte meinen, irgendwann hätten wir den Dreh raus, reflektiert und bewusst das Mögliche zu erkennen. Doch so einfach, wie wir es uns oft machen, ist es – leider – nicht. Fangen wir daher mit der Suche nach dem Möglichen an.

Fragen wir die Suchmaschinen, so klären uns die Suchergebnisse darüber auf, dass das Mögliche, das Ausführbare, das Erreichbare und das zu Verwirklichende ist. Alles, was denkbar, infrage oder in Betracht kommen kann, ist demzufolge möglich. Das Mögliche weist und aber auch auf Alternativen hin – und hier könnten die geneigten Leserinnen ins Stutzen kommen. Alternativen? Haben wir nicht seit vielen Jahrzehnten die Alternativlosigkeit vor Augen gehalten bekommen?

Erst durch Margaret Thatcher, die mit TINA („There is no Alternative“) die Alternativlosigkeit ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik propagierte. Gefolgt einige Jahrzehnte später von Angela Merkel, die sich insbesondere (aber nicht ausschließlich!) in den letzten eineinhalb Jahren ihrer Kanzlerschaft auf Alternativlosigkeit berief und so eine Pandemiepolitik durchzog, die sich immer am Rande des einstmals für unmöglich Gehaltenen bewegte und niemals nach Alternativen suchte oder solche auch nur zuließ.

Auch sprachlich sollten wir es besser wissen, denn wenn wir grammatikalisch das Mögliche konstruieren, so steht uns hier eine Vielfalt an Ausdrucksvarianten zur Verfügung, die uns, unserem Hirn und möglichen Gesprächspartnern das Konjunktivistische deutlich machen können:

  • Wir können uns voluntativ äußern und so das Absichtsvolle in den Mittelpunkt rücken, also das, was gewünscht ist. Heute und/oder in Zukunft.
  • Wir können uns optativ äußern und Optionen zur Wahl stellen.
  • Wir können das Futur nutzen und überlegen, was zukünftig sein könnte.

Auch Immanuel Kant hat sich mit dem Möglichen beschäftigt und bietet uns drei Modalitäten des Seins, die uns die Möglichkeiten vor Augen führen:

  1. Das Wirkliche: Wir nehmen wahr, was das aktuell Gegenwärtige ist und zwar genau jetzt. In sämtlichen Achtsamkeitslehren fokussiert man sich darauf, diesen Daseinszustand zu trainieren, um bewusster zu leben und resilienter zu agieren.
  2. Das Notwendige: Hier fordert uns Kant auf, die Essenz der Dinge zu betrachten und darauf zu schauen, was sein muss bzw. nicht sein kann.
  3. Das Mögliche: Hier legen wir den Fokus auf das potenziell Realisierbare und überlegen, was sein könnte. Und da niemand von uns die Zukunft vorhersagen kann, durchbrechen wir allerspätestens hier die Alternativlosigkeit und wenden uns verschiedenen Zukunftsszenarien zu. Mindestens zwei stehen uns zur Auswahl: Der Worst-Case und ein imaginierter Best-Case. Und wenn wir uns weder für den einen noch den anderen Fall entscheiden können oder möchten, dann wählen wir den Weg der goldenen Mitte – und schon haben wir eine dritte Möglichkeit, die sich offenbart.

Das Mögliche ergibt sich auch, wenn wir lernen, uns auf Möglichkeiten zu fixieren. So kreieren wir uns Wahlmöglichkeiten:

  • Folgen wir unserem freien Willen, können wir eine Handlung ausführen oder nicht. Hieraus ergeben sich schon zwei Handlungsmöglichkeiten.
  • Wenn wir annehmen, dass wir uns permanent in sich ständig verändernden Situationen befinden, unser Leben sich also täglich situativ aufbaut, dann können sich aus den situativen Umständen jeden Tag unterschiedliche Handlungsziele entwickeln. Auch hier kann erneut der freie Wille eingreifen und das Leben anreichern durch Handlungsoptionen, die sich daraus ergeben. Und schon wird das Leben komplex und voller Möglichkeiten…
  • Wir haben zusätzlich Handlungsfreiheit. Hier wählen wir zwischen ja und nein. Und wenn wir uns nicht entscheiden können, bewegen wir uns im vielleicht – und schon stehen wieder drei Optionen zur Verfügung, die uns Möglichkeiten eröffnen.

Unser Denken verläuft nicht einseitig, auch wenn wir oft so tun. Das Denken in Möglichkeiten können wir auf mindestens drei Arten trainieren. Alle drei erlösen uns aus der vermeintlichen Alternativlosigkeit und zeigen uns stattdessen Optionen auf.

  1. Transgenerationales Denken: Was verändert sich, wenn wir über unser eigenes Leben hinausdenken und alles, was wir tun, einmal unter dem Aspekt der Enkeltauglichkeit betrachten? Mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir Lebensaspekte erkennen, in denen wir uns anders verhalten können.
  2. Futurizing: Was verändert sich, wenn wir 5 bis 10 Jahre in die Zukunft denken? Welche Zukunft können wir uns vorstellen? Welche finden wir erstrebenswert? Allein ein Blick ins Jahr 2023 könnte schon ausreichen. Wie stellen Sie sich das aktuelle Jahr vor? Welche Veränderung wollen Sie in Ihrem Leben initiieren? Was soll anders werden? Welche Alternativen – welche Möglichkeiten – haben Sie?
  3. Teleologisches Denken: Welcher Zweck Ihres Denkens und Handelns steht im Vordergrund? Und was wäre, wenn Sie den Zweck ändern oder wenn Sie gezwungen werden, den Zweck zu verändern. Erneut öffnet sich der Möglichkeitsraum, denn tatsächlich ist vieles möglich.

Der Philosoph Nicolai Hartmann sagte einmal: „Die Tragik des Menschen ist die des Verhungernden, der an der gedeckten Tafel sitzt und die Hand nicht ausstreckt, weil er nicht sieht, was vor ihm ist. Denn die wirkliche Welt ist unerschöpflich an Fülle, das wirkliche Leben ist wertgetränkt und überströmend, wo wir es fassen, da ist es voller Wunder und Herrlichkeit.“

Nehmen wir uns das zu Herzen und verabschieden die Alternativlosigkeit dahin, wo sie hingehört: In die Welt der Mythen. Das Leben ist ein Potpourri an Möglichkeiten!

Wer Lust hat, über das Mögliche nachzudenken, kann das am 13. Februar 2023 tun. Von 19:00-20:30 Uhr philosophieren wir in der SHERO.community über die Frage „Was ist das Mögliche?“ Ein Tagespass kostet EUR 15,-. Weitere Informationen gibt es hier: https://shero.community/philosophischer-abend/

­Melanie Vogel

Melanie Vogel, seit 1998 passionierte Unternehmerin, ist Brückenbauerin in eine neue Zeit. Analytisch, mit Scharfblick und Herzenswärme betrachtet sie die Welt aus der für sie typischen VogelPerspektive. Das von ihr entwickelte und mehrfach preisgekrönte „Futability®-Konzept” ist ihre Antwort auf VUCA – eine Welt radikaler Veränderungen. Als VUCA-Expertin macht sie Menschen fit für eine Welt dauerhaften Wandels, als WirtschaftsPhilosophin sorgt sie für nachhaltige Perspektivwechsel, als Business-Vordenkerin und Innovation-Coach bietet sie Prozess- und Führungskräftebegleitung an.

Die mehrfache Buchautorin und Lehrbeauftragte der Universität zu Köln war von 2018 bis 2021 Mitglied der Arbeitsgruppe „Hochschulbildung für das digitale Zeitalter im europäischen Kontext”, initiiert vom „Hochschulforum Digitalisierung” der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Die dreifach ausgezeichnete Innovatorin schreibt regelmäßig als Fachautorin für die Publikationen „PersonalEntwickeln” und „Grundlagen der Weiterbildung”.

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