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„Fünf Themen, die ich von der SXSW mitnehme“

Lina Timm, CEO der Medien.Bayern GmbH, ist regelmäßiger Gast bei der internationalen Tech-Konferenz South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas. Sheconomy veröffentlicht hier einen Auszug ihrer „Breakfast Tacos“, die sie während der Reise an ihre Community verschickt. Hier sind die wichtigsten Themen, die sie von der Konferenz mitnimmt:

1. AI ist ein Tool, das uns unterstützt. Punkt.

Die absurde Aufgeregtheit um AI ist weg und das tut gut. Gewichen ist sie einer immer noch beeindruckten, aber realistischen Einschätzung von ChatGPT, Dall-E und ihren Freunden. Und vor allem dem Mindset: Die aktuellen Anwendungen von künstlicher Intelligenz unterstützen den Menschen und machen sein Leben damit leichter und besser, bedrohen ihn aber nicht. Gerade kommt GPT-4 heraus und ist noch einmal verbessert gegenüber dem schon beeindruckenden Vorgänger.

Und jetzt liegt es an uns, was wir daraus machen. Welche kreative Seite kann die KI bei dir hervorbringen? Wofür brauchst du Inspiration, einen ersten Entwurf, eine Vorlage, die du dann verfeinern kannst? Gerade für die Medienbranche liegt hier ein Schatz, den wir heben können.

Was wir auch machen müssen: Regeln schaffen dafür, wie wir mit Urheberrecht und Transparenz gegenüber Nutzer:innen umgehen. Schlau ist, hier so schnell wie möglich einen Branchenstandard zu entwickeln. Wasserzeichen, Erklärzeilen, hier sind wir alle gefragt, Ideen auszuprobieren und gute zu übernehmen.

Mein persönlicher Take auf das AI-Thema ist aber auch: Je einfacher es mit KI wird, Content zu erstellen, umso wertvoller wird es wieder, wenn wirklich der Mensch etwas erschaffen hat. Das schönste Zitat dazu:

„AI can create a new Picasso, but it can’t be the next Picasso.“

Das hatte ich beim Filmthema schon geschrieben: Die AI kann replizieren, was wir Menschen schon einmal erschaffen haben. Von daher: Lasst euch alles vor-schreiben/ zeichnen/ komponieren – den echten Wert erschafft immer ihr!

2. Die neue Nüchternheit: Wirtschaftskrise und Safe Bets statt Innovation

Ausgerechnet während die SXSW läuft, entwickelt sich die Krise rund um die Silicon Valley Bank. Die Auswirkungen auf die Startup-Szene sind noch gar nicht abzusehen, aber sie verstärken jetzt schon das Gefühl, dass in der Wirtschaft nichts mehr sicher ist. Oder wie mir ein Gründer die Tage erzählte: „Whilst trying to avoid bankruptcy for my startup, my bank goes bankrupt.“

Die Tech-Szene und die Nutzer:innen gehen genau deshalb auf Sicherheit. Konzentrieren sich auf Blockbuster-Games statt Neues auszuprobieren, kümmern sich um ihr Kerngeschäft statt links und rechts zu schauen. Ist das gut? Ist das schlecht?

Innovation um der Innovation willen braucht kein Mensch. Aber wenn wir nur verwalten, was da ist, dann haben wir auch keinen Fortschritt.

Ein Thema zeigt sich manchmal auch, in dem gerade nicht darüber gesprochen wird. Innovationslabore? Innovationsstrategien? Innovationskultur? Da ist gerade nicht die Zeit für. Im Gegensatz zu vergangenen Jahren ist der Innovationsenthusiasmus einer neuen Nüchternheit gewichen. Das Gefühl hatte ich schon eine Weile, konnte es aber nicht ganz greifen. Die SXSW-Panels haben da viele Puzzlestücke zusammengeführt. Momentan heißt es einfach: Es ist weder finanziell noch im Kopf Luft dafür da, an Projekten mit ungewissem Outcome zu arbeiten.

Und das ist das Dilemma, denn gerade in Krisen strahlt Innovation und ist ein solider Weg, stärker aus dem Downturn hervorzukommen. Ich bin da momentan zwiegespalten. Einerseits kann ich alle Vorsicht und Ressourcenmängel nachvollziehen, andererseits wären gerade jetzt Sprünge gut. Ich meine, was ist denn die Alternative? Bettdecke über den Kopf ziehen und warten, bis es vorbei ist?

Eins meiner Herzensthemen ist ja Innovationskultur. Ich würde sagen, wer in den vergangenen Jahren seine Hausaufgaben gemacht hat und quer durch das Unternehmen Tools und Methoden verbreitet hat, wie man Ideen schnell im Kleinen starten kann, der sollte jetzt kein Problem haben. Dann würden sich die Teams nämlich bei weniger Ressourcen hinsetzen und einfach im Kleinen neue Dinge ausprobieren.

„Innovation entsteht auch aus Fragen wie: ‚Wie geht das einfacher?‘

Die meisten Medienunternehmen haben bei dem Thema in den vergangenen Jahren aber auch nur milde gelächelt. Kultur? So ein Softskill-Thema? Das kostet doch nur und bringt mir jetzt nicht die nächste Million Umsatz. Und jetzt ist das Geld natürlich knapp, um das alles aufzuholen.

Wie da rauskommen? Lasst uns doch kurz mal Innovation anders definieren. Das ist nämlich gar nicht das Rainbow-Unicorn-Leuchtturmprojekt, das Preise gewinnt. Innovation ist auch, den Newsroom umzustrukturieren, um mit weniger Leuten und weniger Budgets für Recherchereisen weiter gute Qualität zu ermöglichen. Innovation entsteht auch aus Fragen wie: „Wie geht das einfacher?“ oder „Wie könnten wir das mit weniger Manpower schaffen?“ Ich fände gut, wenn wir genau darüber nachdenken – und helfe gern dabei.

3. Humans first: Die Tech-Branche wird menschlich

Die Tech-Branche wirkt reifer als früher. Woran es liegt kann ich noch nicht sagen, aber es scheint, als hätte die Szene oft genug dieselben Fehler gemacht und hätte jetzt daraus gelernt. Es freuen sich alle immer noch über die Möglichkeiten, die Technologie mit sich bringt – aber jetzt denken sie auch daran, was für Implikationen das auf uns und unser Zusammenleben haben kann. Die vielen Probleme, die Social Media mit sich bringt: Mental Health, Desinformation, Überwachung. Oder die, die AI aufkommen lässt: aus Daten reproduzierte Biases, Vergütung von Künstler:innen, Transparenz.

Die Tech-Szene läuft nicht erstmal los um dann hinterher wieder mühsam durchzukehren. Auf den Panels wurden neue Themen oft verglichen mit „Das haben wir doch schon bei Social Media gelernt.“ Mich stimmt das ausgesprochen optimistisch, heißt das doch, dass wir tatsächlich lernen aus dem, was nicht gut gelaufen ist. Und versuchen, das für die Zukunft besser zu machen. Sicherlich werden wir gerade bei ganz neuen Technologien nicht alles vorhersehen können. Aber je größer das Bewusstsein, desto früher fällt es auf.

Hier wandelt sich etwas in der Gesellschaft. Tech-Mogule werden nicht mehr unconditionally verehrt, sondern für Fehler, Bro-Culture und schlechte Algorithmen angezählt. Auch die Regulierung holt hier auf und traut sich mehr und mehr, tatsächlich vorzugehen.

4. Jeder kann Creator werden – und braucht eine Community

Dies ist eine direkte Folge aus dem menschlich werden: Es wurde so viel wie noch nie über Communities gesprochen. Vielleicht eine Covid-Nachwirkung, wo uns so schmerzlich bewusst geworden ist, dass menschliche Kontakte und Zusammenkommen einfach wichtig sind für uns als Menschen. Aber auch eine Reaktion auf zu viel Clickbait-Kommerzialisierung. Die Quintessenz ist: Mit den neuen Tools (siehe (1)) können mehr und mehr Menschen selbst Inhalte erstellen. Diese müssen ihre Audience aber auch erreichen. Das funktioniert immer stärker darüber, dass man eine Hardcore-Fan-Community an sich bindet. Es hat nicht mehr einer ein Millionenpublikum, sondern tausende haben ein Publikum von tausenden Leuten.

Mich treibt das Community-Thema schon lang um. Kennt ihr diese Bilder, in denen ganz viele Einzelteile herumschweben und wenn die sich alle ein bisschen in die richtige Richtung bewegen und man dann ein wenig zur Seite geht, entsteht ein Bild daraus? Yup, genau so fühlt sich das gerade für mich an. Ich glaube, das wird groß die nächsten Jahre. Auch und gerade für Medien und Geschäftsmodelle. Fragen die hier gut sind: Welche Fans hast du, die du zu einer Community zusammenbringen kannst? Welchen Mehrwert hätten sie davon, sich untereinander zu kennen?

5. Diversity und Mental Health sind normal geworden

Ich habe wenig über Themen wie Diversity und Mental Health geschrieben. Nicht, weil es keine Panel dazu gegeben hätte. Auch nicht, weil es nicht wichtig ist, ganz im Gegenteil. Mir scheint vielmehr, als wären beide Themen mittlerweile so tief verankert im Mindset, dass sie eigentlich in jedem Panel mitgeschwungen sind. Einerseits durch die wirklich exzellente Speaker-Kuratierung der SXSW. Ich kenne keine Konferenz, auf der ich so diverse Panels in Geschlecht, Background oder Hautfarbe sehen könnte. Dass das so normal ist und gar nicht mehr explizit angesprochen werden muss, ist wahnsinnig angenehm und inspirierend.

Auch das Thema Mental Health wird mehr und mehr salonfähig. Bro-Culture-Gründer lassen hier und da mal durchblicken, dass es ihnen zwischendurch auch nicht so gut geht. Stress durch Krisen und Veränderungen und was der mit uns macht ist jetzt Teil der Debatte. Auch das: Einfach eine wahnsinnig gute Entwicklung.

Lina Timm hat 2015 das Media Lab Bayern gegründet, um Talenten zu ermöglichen, Journalismus und Medien innovativ zu gestalten. Mittlerweile wurden mehr als 100 Startups und viele Medienunternehmen dabei unterstützt, die Zukunft der Medien aufzubauen. Seit 2019 hat Lina Timm als CEO die Medien.Bayern GmbH auf 70+ Mitarbeitende skaliert. Die Innovationsexpertin ist zudem Mitglied des Verwaltungsrats von Stiftung Warentest, Aufsichtsratsmitglied der Tellux Gruppe und Mitglied des Lenkungsausschusses des Legal Tech Colab, ein Accelerator für Deep-Tech-Startups im Rechtsbereich.

Die South by Southwest (SXSW) ist eine Konferenz plus verschiedener Festivals, die sich auf Diskussionen über mehrere Schlüsselindustrien wie Technologie, Musik, Film, Bildung und mehr konzentrieren. Sie wurde 1987 in Austin gegründet und ist im Laufe der Jahre exponentiell gewachsen und hat weltweite Bekanntheit erlangt.

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