StartBusinessHospitality Jobs: Tool zur Integration?

Hospitality Jobs: Tool zur Integration?

Arbeitskräftemangel macht den Tourismusbetrieben schwer zu schaffen: Tische in Restaurants und Zimmer in Hotels werden aus der Verfügbarkeit genommen, weil sie nicht bedient werden können. Innovative Konzepte im Recruiting oder kreative „Gehaltszuckerl” haben die Hotellerie erreicht, doch so recht greifen wollen diese noch nicht. Könnte ein stärker ausgeprägter diverser und mulitkultureller Zugang Abhilfe verschaffen? Ein Faktencheck von Sheconomy Tourismus-Expertin Angelica Freyler.

Was wäre, wenn man das Wort Gastgeber ganz wörtlich nimmt, über den Tellerrand blickt und man vermehrt Menschen aus anderen Kulturen, ärmeren Kontinenten oder Vertriebene ganz niederschwellig und ohne große Bürokratie die Möglichkeit geben würde, sich bei uns auf eigene Beine zu stellen? Was wäre, wenn dabei gleichzeitig ihre Tätigkeit im Tourismus selbst als Mittel und Motor zur Integration verwendet würde? Könnte dies dem Arbeitskräftemangel entgegenwirken und würden von diverseren Strukturen im stärksten Wirtschaftsbereich nicht alle profitieren? Was spricht dafür, was spricht dagegen?

Die Voraussetzungen wären nicht schlecht: Denn in kaum einer anderen Branche ist die Belegschaft so international. Gelebte Integration findet sich bereits im Gastgewerbe besonders stark ausgeprägt, wo – zum Beispiel in Deutschland – jeder vierte Angestellte ausländische Wurzeln hat. Insgesamt verdienen bereits Menschen aus über 100 Ländern in der österreichischen Gastronomie und Hotellerie ihren Lebensunterhalt. Umfragen zeigen, dass zum Beispiel zirka ein Drittel der Betriebe im Gastgewerbe Flüchtlinge beschäftigtet – in anderen Branchen sind es nur sieben Prozent. Und nicht zuletzt finden sich im Tourismus Stellen mit ganz klaren Aufgabenbereichen für fast alle Qualifikations- und Bildungslevel.

Tourismus als Integrationshebel

Arbeit und die damit verbundene Selbsterhaltungsfähigkeit  sind zentrale Schritte im Integrationsprozess und bilden die Basis. Aber um sich langfristig gut integrieren zu können, ist das rasche Erlernen der Sprache, sich richtig ausdrücken zu können und vor allem der Kontakt und der direkte Austausch mit anderen von größter Bedeutung. Die Kultur des Landes kennenlernen und annehmen, in dem man nun lebt, die Feinheiten in der respektvollen Kommunikation erfahren. Teil der Gesellschaft zu werden und Erfolgserlebnisse zu spüren, als Person anerkannt und respektiert zu werden, gehören ebenso dazu.
Kaum ein anderes Berufsbild kann diese Softfacts mehr stärken, als eine Beschäftigung im Tourismus im ständigen Austausch mit Gästen und Kolleg:innen – im Service, an der Rezeption, in der Küche, der Gästebetreuung, im Housekeeping, in der Haustechnik. Gerade Frauen aus patriarchischen Staaten können mit neuem Selbstwert gestärkt werden und so ihre Skills viel besser einbringen. Aber auch die Gäste profitieren und sammeln auf diese Art neue Erfahrungen, erleben Gastgeberschaft aus dem Blickwinkel anderer Kulturen und können im persönlichen Kontakt neues Wissen und bereichernde Erlebnisse mit nach Hause nehmen.

Zusammenführen von Angebot und Nachfrage

Viele Vertriebene bringen hohe Motivation und Berufserfahrung oder eine gute Ausbildung mit – eine gute Ausgangsbasis für die Aneignung von neuen touristischen Kenntnissen. Man erweitert mit ihnen nicht nur den Horizont des Teams, sondern setzt auch ein Zeichen von humanitärem Engagement.

Im Mai 2019 waren zum Beispiel 31.000 Asylberechtigte ohne Beschäftigung. Studien aus Deutschland gehen davon aus, dass es bis zu fünf Jahre dauert, bis 50 Prozent der Flüchtlinge eines Jahrgangs tatsächlich im Arbeitsmarkt ankommen. Dem gegenüber standen 82.280 sofort verfügbare offene Stellen, darunter knapp 11.000 offene Stellen allein in Fremdenverkehr und Gastronomie. Doch Angebot und Nachfrage finden hier oft nur schwer zueinander. Zum einen fehlt oft die ausreichende Kenntnis über die Bewerbungsgepflogenheiten, wie man einen Lebenslauf oder ein Motivationsschreiben nach unseren Richtlinien verfasst. In ihrer alten Heimat läuft der Kontakt zum potenziellen Arbeitgeber oft auf persönlicher Ebene, es wird wenig Schriftliches verlangt. Dann kommt die regionale Verteilung von Flüchtlingen in Österreich hinzu.
Während Asylsuchende in den verschiedenen Regionen in Österreich aufgeteilt leben, finden sich nach dem Erhalt des Asylbescheids drei Viertel in Ostösterreich, insbesondere in Wien. Gleichzeitig wird vor allem im Westen Österreichs von vielen Unternehmen nach Fachkräften und geeignetem Personal gesucht. Rund drei Viertel aller offenen Lehr- und Ausbildungsstellen finden sich aktuell in Westösterreich.

Dem gegenüber steht, dass viele Arbeitgeber im Tourismus ohnehin bereits intensiv in Mitarbeiterunterkünfte und Schulungsmaßnahmen für Einsteiger:innen oder Quereinsteiger:innen investieren, um die offenen Positionen besetzen zu können. Diese bereits bestehende Weiterbildungsstruktur und der geschaffene Wohnraum könnten gut genutzt werden.

Christoph Leinberger von Gut Ising im Chiemgau spricht vielen Hoteliers aus der Seele: „Der Mangel an Personal wird weiterhin ein großes Problem darstellen. Ich denke, das hängt mit den demographischen Werten zusammen. Wir haben einfach nicht genug Nachwuchs und sollten daher dringendst auch auf unsere europäischen und internationalen Ressourcen zurückgreifen. So konnten wir beispielsweise besonders positive Erfahrungen mit Mitarbeitern aus Marokko sammeln, die bei uns im Schulverfahren sind”, meint dazu. Er fordert von der Politik, die Grenzen auch außerhalb der europäischen Grenzen für Arbeitnehmer zu öffnen. „Es gibt in anderen Ländern Menschen mit viel Know-how, die bereit sind zu uns nach Deutschland zu kommen“, ergänzt er.

Philip Jansohn, Direktor im 4*s Schlosspark Mauerbach, meint dazu: „Ich habe es immer schon als sehr bereichernd empfunden, in einem diversen Team zu arbeiten. Impulse fremder Kulturen, die sich mit unserem Verständnis der Gastgeberschaft auf allen Joblevels vermischen, bringen uns voran. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gerade Menschen aus anderen Kulturkreisen besonders dankbare und loyale Mitarbeiter:innen sind, denen der Hotelbetrieb und die Zufriedenheit der Gäste ein echtes Anliegen ist. Die große Herausforderung für uns ist, sie mit unseren Stellenangeboten zu erreichen. Wir freuen uns auf Menschen aus aller Welt, die unser Team verstärken möchten.”

Integrationswilligkeit und Arbeitsmotivation einerseits, aber auch die Koordination von Angebot und Nachfrage, niederschwellige Bewerbungsverfahren und vereinfachte Bürokratie speziell für den Tourismussektor sind somit die wichtigsten Zutaten für den Tourismus als Integrationstool.


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