StartShedailyDienstagNatascha. "aufgeschnappt" von Nadia Weiss

Natascha. „aufgeschnappt“ von Nadia Weiss

Vor etwas mehr als fünfzehn Jahren gelang einer jungen Frau nach zehn Jahren Gefangenschaft die Flucht vor ihrem Entführer. Das Schicksal von Natascha Kampusch wurde zur Weltsensation. Was war ihr geschehen? Wie konnte sie überleben? Ein Kind, isoliert von der Außenwelt, musste ohne Kontakt zu Familie und Gleichaltrige erwachsen werden – mit einem Täter, der sie zu seiner „Kunstfigur“ formen wollte. Ein Existenzkampf: Nicht nur um das nackte Überleben, sondern auch um die Identität.

Nun, rund um den Jahrestag, strahlte das österreichische Fernsehen ein großes aktuelles Interview mit Natascha Kampusch aus. Eine Frau Anfang 30, zarte Stimme und bestimmter Ton. Die Formulierungen wohlüberlegt: Genau so trat sie bereits kurz nach ihrer Flucht auf. Ein Bild, das damals viele Menschen verstörte.

„Man hätte mich lieber als gebrochenes Opfer gesehen“, meint sie heute zu ihrem Gesprächspartner Christoph Feuerstein, der ihre Familie auch in den Jahren ihres Verschwindens immer wieder aufgesucht hatte. Sie spricht davon, dass sie stärker als ihr Entführer war, weil sie vor dem Verbrechen, zwar keine unbedingt „glückliche Kindheit“ hatte, sich aber der Liebe ihrer Eltern sicher sein konnte. Dieses Fundament hätte sie letztendlich die Jahre der Finsternis überstehen lassen. „Es tut mir leid, dass er sich nicht vorher Hilfe gesucht hat, statt ein Kind zu entführen“, sagt sie weiter.

Die vielen Spekulationen um ihre Gefangenschaft und mögliche Mittäter hätten sie ein zweites Mal zum Opfer gemacht. Eine im Haus des Verbrechens gefundene Haarsträhne wurde als Indiz für ein von Natascha Kampusch geborenes Kind gewertet. Sie hält das Büschel heute in die Fernsehkamera und erzählt, was es damit auf sich hatte. An einem gewissen Zeitpunkt hätte der Täter bestimmt, dass sie Glatze trägt. „Ich wusste nicht, wann es mir wieder erlaubt sein würde, Haare zu haben und wollte mich daran erinnern, wie sie aussehen“, sagt sie. 

Wenn Frauen öffentlich diffamiert werden, spricht man manchmal von einer „Hexenjagd“. Lange Haare galten als Zeichen ihrer Kräfte und dunklen Macht. Sie konnten Männer verrückt machen und dadurch zu schlimmen Taten anstiften.

Diese Ideen scheinen immer noch unter einer dünnen Schicht der Vernunft in unserer Gesellschaft herumzugeistern. Ein Kind, das es schafft, zehn Jahre in den Klauen eines Verbrechers zu überleben, zur Frau heranzuwachsen und sich zu befreien, ist suspekt. Hat sie ihn in seinen Bann gezogen? Dominiert? „Verhext“? Steckt sie mit den dunklen Kräften unter einer Decke? Was verheimlicht sie?

Ich bewundere die Stärke eines Mädchens, das sich nicht brechen ließ und den Moment zur Flucht nutzte. Wir sollten unsere Kinder mit so viel Liebe wie möglich bestärken. Damit sie Kraft haben, gegen Dämonen anzukämpfen. Denen von Außen und den Inneren.

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